Das Sideborad bei der Ausstellung der Meisterstücke in der Meisterschule für Schreiner in München – weitere Bilder folgen!

Nach einem Jahrhundert in dem sich die Reduzierung im Design vom anfänglichen Wunsch nach Leichtigkeit und Schlichtheit zu einer Rationalisierung zugunsten der Profitmaximierung entwickelt hat und die Form „immer“ der Funktion und letztendlich der rationellen Fertigung unterstellt ist, stellt sich mir die Frage, ob es mit den uns heute zur Verfügung stehenden Hochtechnologien, nicht zu einer neuen Harmonie zwischen Form und Funktion kommen kann.  So wie Wasser immer einen Weg ins Meer finden wird, lässt sich mit einer frei geschwungenen Linie die Leichtigkeit bei der Gestaltung von Funktionen bewahren. Dabei ist es im ersten Moment nicht immer der kürzeste Weg, der einen tatsächlich ans Ziel bringt, oft ist der Weg und dessen Hindernisse der eigentliche Schatz, der uns die Erfahrung, Kreativität und Feingefühl lehren. Genau das braucht man auch heute, zum einen im Umgang mit der sich verselbstständigenden, digitalisierten High-Tech Maschinerie und zum anderen im Umgang mit den absolut begrenzten Ressourcen des Planeten Erde.

Dieser Aspekt ist es, bei dem wir als Schreiner einen so wunderbaren Ansatzpunkt mit unserem aus erster Hand der Natur stammenden Rohstoff HOLZ haben, wenn er bewusst und nachhaltig verwendet wird. Nachwachsend, Co² positiv, emissionsarm. Auch in der Oberflächenveredelung ist es mittlerweile möglich dem Petrochemie-Zeitalter den Rücken zu kehren und damit der eigenen und der Verantwortung gegenüber der Generation unserer Kinder gerecht zu werden.

Aus diesen Grundsätzen und aus dem Wusch heraus ein Möbel für das Musikinstrument meines Sohnes zu entwerfen, ist das vorgestellte Meisterstück entstanden. Dabei ging es mir auch darum, ein selbst entwickeltes Verfahren, einer organischen Massivholz Kantenbearbeitung, mit modernen Handmaschienen zu zeigen. Durch diese besondere Holzbearbeitung ist es möglich den funktionalen Anforderungen zu folgen und dabei eine elegante Leichtigkeit zu behalten.

Natürlich war die Entwicklung nicht nur von Leichtigkeit geprägt und es bedurfte einer ordentlichen Portion Hirnschmalz, Beistand und das Durchdenken verschiedener Lösungsansätze, um eine elegante Lösung für die über 1,5 m lange und fast 10 kg schwere Front vor dem E-Piano zu finden. Um die beim Absenken der Front entstehenden Kräfte abzufangen, wurde am Drehpunkt des Schwenkarmes eine Rotationsbremse eingebaut. Allerdings entwickelte die Klappe im letzten Abschnitt beim Schließen immer noch einen enormen Schwung. Dem wurde jetzt mit Hilfe einer zusätzlichen linearen Ölbremse Abhilfe geschaffen. Sie bremst den Schwung einstellbar auf den letzten 10° – 20°. Der Schwenkarm hat seine Form durch die Anforderung erhalten, diese mechanischen Bauteile zu verdecken, das Gewicht der Klappe zu tragen und in geöffneter Stellung nicht mit der Deckplatte zu kollidieren. Die Arretierung des geöffneten Tablars rastet nach dem Anheben der Front ein, wenn der Arm abgesenkt ist, lässt er sich schließen.

Die zwei holzgeführten, handgezinkten Innenschübe sind für das Notenmaterial vorgesehen. Sowohl der Schubanschlag, als auch die Auszugsbegrenzung sind gepuffert in die Führungsschiene integriert. Die beiden mechanisch geführten Schübe lassen sich elegant per Tip-On öffnen. Als konsequent gedachtes Massivholzmöbel war es obligatorisch, dass Schubladenböden ebenso wie die Rückwand des Innenkorpuses aus massivem Ahorn gefertigt sind.

Die natürliche, warme Ausstrahlung des Birnbaumholzes, der organische Schwung der Formen und die Harmonie der Proportionen erzeugen eine unsichtbare Kraft, die über die physischen Grenzen des Objektes hinaus, im Raum wirken.